Geschichten über Unterstützung

Welche Menschen kommen bei unserer Nachbarschaftshilfe mit Zeitgutschriften zusammen? Lernen Sie hier Gesichter und Geschichten  kennen.

Der nächsten Generation unter die Arme greifen

Dieses Mal darf ich ein Tandem-Interview in einer Schule im Kreis 10 führen. Dort erfährt Michelle (12) jeden Montag und Donnerstag Unterstützung durch Sophia. Als ich eintrete, sind sie bereits in der Materie vertieft. Heute ist hauptsächlich Französisch dran.

Wie und wann war euer erstes Aufeinandertreffen?

Sophia: Im Mai diesen Jahres haben wir uns zum ersten Mal bei Michelle und ihrer Mutter zu Hause gesehen. In diesem ersten Gespräch war es wichtig herauszufinden, welche Unterstützung sie genau benötigt und wie die Chemie zwischen uns beiden ist. Bis dahin wusste ich nur, dass es die Fächer Französisch und Englisch sind.

Weshalb findet die Aufgabenhilfe in der Schule statt?

Michelle: Am Anfang waren wir bei mir zu Hause, aber da gab es zu viel Ablenkung, mein kleiner Bruder und meine Grossmutter waren auch da und ich konnte mich nicht gut konzentrieren. So haben wir nach den Sommerferien in meine Schule gewechselt.

Sophia: Die Schule ist auch für mich vom Weg her sehr praktisch. Noch idealer wäre es, wenn es nicht das Klassenzimmer wäre, sondern in einem neutraleren Raum stattfände – aber wir sind daran , Alternativen zu finden.

Michelle, was für Veränderungen merkst du, seit du diese Unterstützung erhältst?

Michelle: Ich merke, dass ich besser werde. Kürzlich habe ich im Französisch sogar ein «très bien» erhalten, das war toll. Das zeig mir, dass ich diese Unterstützung brauche.

Sophia: Das zeigt vor allem, dass du es kannst, liebe Michelle.

Wer entscheidet, was gerade an Fach oder Themen ansteht?

Sophia: Michelle macht selbst die Priorisierung, meistens schauen wir uns ein Fach an, manchmal sogar zwei, wenn sie mag. Und sie mag viel, hat viel Willen und gibt sich richtig Mühe, was ich bewundere.

Michelle: Ausser manchmal donnerstags, da habe Frühstunde und empfange Sophia ziemlich müde, wenn sie am späteren Nachmittag kommt. Ich muss zugeben, jetzt freue ich mich ziemlich auf die Weihnachtsferien.

Sophia, was motiviert dich am Aufgabenhilfe geben?

Sophia: Ich finde das Thema «Lernen» etwas sehr Spannendes, bis vor Kurzem habe ich mich selbst auch weitergebildet. Es interessiert mich sehr, was die Kinder motiviert, wie man ihre Neugier weckt, und ihnen hilft, selbstständiger zu lernen. Es sind die wichtigen Fragen: «Woran hat das Kind Freude? Wie lernt es gerne und wie kann ich die Motivation verbessern? In meiner Rolle ist es zentral, die Begeisterung fürs Fach zu vermitteln und das probiere ich bei jedem Treffen mit Michelle.

Michelle und Sophia

Drei sind hier nicht einer zu viel – im Gegenteil!

Gut sieht er aus, Herr Eichenberger, als er mir an diesem fast frühlingshaftem Oktobertag für das Interview die Türe öffnet. Er hat eine neue, beinahe jugendliche Frisur und auch das Laufen hat sich merklich verbessert. Vor fast einem Jahr, als er auf uns gestossen war, beklagte er sich zwar wenig aber es war sichtbar, dass ihm jeder Schritt schwerfiel, bedingt durch den Knochenverschleiss. Schön, ist das heute anders.
Als beide Gebende, Christian Marcan und Johanna Blatter, da sind, starten wir das Interview gemütlich am Wohnzimmertisch und können dabei einen Kafi geniessen und Guetzli knabbern.

Herr Eichenberger, weshalb haben Sie vor fast einem Jahr unsere Nachbarschaftshilfe kontaktiert?
Alfred Eichenberger: Ich habe seit gut drei Jahren starkes Rheuma und durch die Schmerzen fallen mir gewisse alltägliche Aufgaben wie Einkaufen oder Wäsche aufhängen schwer. Durch eine Bekannte habe ich von der Nachbarschaftshilfe mit Zeitgutschriften erfahren und wurde neugierig.

Johanna, du übernimmst seither das Einkaufen für Herrn Eichenberger, wie ist das für dich?
Johanna Blatter: Richtig, ich mache das jeden Dienstag für Herrn Eichenberger und auch sehr gerne. Es ist sehr schön und bereichernd für mich, diese Aufgabe zu haben.

A.E.: Frau Blatter ist immer für eine Überraschung gut. Ich esse einmal am Tag warm in Form von Mikrowellen-Fertiggerichten, das geht schnell und schmeckt auch meistens. Frau Blatter hat dann mit der Zeit angefangen, mir was Frisches «dazu zu schmuggeln», vor allem Früchte und Gemüse. Und es schmeckt mir, auch wenn es nicht auf meiner Einkaufsliste steht.

Christian, mit der Zeit kamst auch du dazu und wurdest vor allem als Hilfe im Haushalt angedacht, denn vor allem das Staubsaugen wurde für Herr Eichenberger sehr anstrengend.
Christian Marcan: Johanna Blatter und ich übernehmen verschiedene Aufgaben. Sie kauft für ihn ein, und wie ich das sehe, macht sie das sehr sinnvoll und sparsam, denn sie achtet auch auf die Angebote. Ergänzend zu ihrem Einkauf gebe ich Herr Eichenberger ab und an frische Eier von meinen Hühnern, hausgemachte Confi und selber geräucherten Aufschnitt. Hauptsächlich übernehme ich aber das Staubsaugen. Nach getaner Arbeit sitzen wir oft noch zusammen, reden über Gott und die Welt und trinken manchmal auch ein Weinchen dazu. Ich mag es mit ihm zu plaudern.

A.E.: Ich muss dazu sagen, dass ich durch ihn vor einiger Zeit mal wieder zum Arzt ging. Er machte immer wieder freundlich Druck. Gut, hab ich auf ihn gehört, denn ich erhielt eine neue Medikation, die die Schmerzen in den Beinen merklich verringert. Schauen Sie, ich gehe nun ganz gut ohne Rollator. Das war vor einiger Zeit kaum möglich.

Foto Interview
Alfred Eichenberger (Mitte) mit seinen beiden Unterstützern, Christian Marcan und Johanna Blatter

Ab hier wird angeregt und lebhaft geplaudert, es geht um Themen wie Gesundheit, Essen, das Schweizer Sozialsystem oder Knigge. Ich komme zu keiner Frage mehr, aber das macht nichts, denn es macht Spass zu sehen, wie gut diese Dreier-Konstellation zu funktionieren scheint. Ich nehme noch ein Guetzli und sage «uf Wiederseh mitenand!».

Die neugewonnene Freiheit in die Nachbarschaft investieren

Frau Wegmüller, wie sind Sie zu unserer Nachbarschaftshilfe gekommen?
Elisabeth WegmüllerIch habe seit gut drei Jahren starkes Rheuma und durch die Schmerzen fallen mir gewisse alltägliche Aufgaben wie Einkaufen oder Wäsche aufhängen schwer. Durch eine Bekannte habe ich von der Nachbarschaftshilfe mit Zeitgutschriften erfahren und wurde neugierig.

Und Sie, Frau Stoll?
Christa Stoll: Ich bin seit 1. Januar diesen Jahres frühpensioniert und es kam der Wunsch auf, meine neugewonnene Freiheit zur Unterstützung anderer zu nutzen. Mir war die Nachbarschaftshilfe ein Begriff und ich erfuhr dann, dass im Kreis 10 das Modell der Nachbarschaftshilfe mit Zeitgutschriften im Aufbau ist.

Wie sieht Ihr Kontakt aus?
E.W.: Christa geht einmal die Woche mit dem «Ziehwägeli»für mich einkaufen und bringt mir aus dem Coop oder Migros, die ganz in der Nähe sind, die von mir gewünschten Produkte. Dabei bin ich sehr glücklich, wie sie den Blick für die «guten» Produkte hat.

C.S: Wobei es sich schon einspielen musste, am Anfang war ich mir manchmal unsicher, welchen Ersatz ich für nicht vorhandene Ware am besten nehmen sollte. Nach nun fast fünf Monaten kenne ich die Vorstellungen und Wünsche von Elisabeth und freue mich, wenn sie zufrieden ist.

Wie war es für Sie Frau Wegmüller, einen fremden Menschen in die eigenen vier Wänden reinzulassen?
E.W.: Die Chemie stimmte von Anfang an zwischen mir und Christa, was für das wachsende Vertrauen ausschlaggebend war. Zudem findet unser Kontakt im Wohnbereich und in der Küche statt, da ist die Intimsphäre für mich nicht gross betroffen.

Welche Rolle spielt die Zeitvorsorge und die damit verbundenen Zeitgutschriften für Sie?
C.S.: Die Zeitgutschriften spielen für mich in punkto Anerkennung eine sehr untergeordnete Rolle. Es sind die Aufgabe und der damit verbundene Effekt, die mich motivieren. Allenfalls könnten sie als Bestätigung dienen, um schwarz auf weiss zu sehen, wie viel Zeit ich für die Unterstützung in der Nachbarschaft investiert habe.

E.M.: Ich finde es schön und wichtig, dass die Helfenden Zeit gutgeschrieben bekommen. Mir persönlich fällt es so etwas einfacher, diese wertvolle Hilfe für meinen Alltag anzunehmen.

Tandem Wegmueller_Stoll
Elisabeth Wegmüller (links) und Christa Stoll

Helfend den eigenen Horizont erweitern

Frau Zumsteg, wie sind Sie zu unserer Nachbarschaftshilfe gekommen?
Cornelia Zumsteg: Durch meine jetzige Tandem-Partnerin Renate Tran. Wir wohnen beide im Rütihof und sind uns immer wieder an Siedlungs-Festen begegnet. Renate hat mir mit ihrer liebenswürdigen Art schon immer gefallen und bei einer unserer Begegnungen erwähnte sie auch die Nachbarschaftshilfe mit Zeitgutschriften, aber es dauerte eine ganze Weile, bis wir näher in Kontakt kamen.

Weshalb brauchte es Zeit?
C.Z: Ich bin seit Kindheitstagen blind und habe es mir mit den Jahren angewöhnt, aktiv auf Menschen zuzugehen und so das Eis zu brechen. Trotzdem erlebe ich manchmal eine gewisse Hemmschwelle.

Renate Tran: Mir war Cornelia auch von Beginn an mit ihrer offenen und herzlichen Art sehr sympathisch und ich war sehr neugierig, sie näher kennen lernen. Um ehrlich zu sein, stellte ich mir aber auch die Frage, ob ich zu regelmässigen Treffen mit Cornelia bereit sein würde, weil ich dachte, blinde Menschen wären ständig auf Hilfe angewiesen.

C.Z: Diese Erfahrung mache ich oft mit Mitmenschen, denen ich begegne. Dabei führe ich mein Leben selbstbestimmt und eigenständig und habe auch meinen Sohn weitestgehend alleinerziehend grossgezogen. Da sind dann die Leute oft sehr überrascht.

Wie ging das und wo erhielten Sie damals Unterstützung?
C.Z: Ich hatte keine Unterstützung von Institutionen, aber vom Familien- und Freundeskreis: die Eltern und Schwiegereltern lebten noch, denen ich sehr dankbar bin. Mein Sohn wurde früh selbständig und er und mein Bruder stehen mir bis heute zur Seite.

Frau Tran, Ihre Befürchtungen, dass Sie sich unter Druck fühlen könnten, haben sich demzufolge nicht bewahrheitet?
R.T: Im Gegenteil! Ich bin empfinde die Treffen mit Cornelia als sehr bereichernd. Meist lese ich ihr die Post oder aus Zeitschriften bestimmte Themen vor oder helfe ihr am PC. Auch beim Einkaufen oder spazieren gehen begleite ich sie ab und zu. Einen grossen Teil der Zeit verbringen wir aber mit persönlichen Gesprächen. Cornelia hat einige Menschen um sich herum, die sie gerne unterstützen, das zu wissen entlastet mich natürlich.

Was geben Ihnen die Treffen?
R.T.: Beim Vorlesen entstehen häufig sehr berührende Momente, die uns näher zusammenbringen. Ich bewundere Cornelias offene und positive Art, auf das Leben zu blicken. Auch zeigt sie mir immer, wie sehr sie sich über mich und unsere Treffen freut, was mich zusätzlich motiviert.

C.Z.: Menschen wie Renate sind eine wichtige Stütze für mich, um meinen Alltag selbstbestimmt zu meistern. Mit Renate ist ein besonders liebenswürdiger und herzensguter Mensch in mein Leben getreten, wofür ich sehr dankbar bin. Die Hilfe anzunehmen fällt mir in dem Wissen um die Zeitgutschriften, die Renate erhält, aber auch bedeutend leichter. Etwas möchte ich noch erwähnen: Oft wird gesagt, die Zürcher wären nicht das hilfsbereiteste Volk – aber ich erlebe in meinem Alltag viel Schönes mit meinen Mitmenschen und erhalte viel proaktive Unterstützung. Dies auch ganz viel von jungen Menschen, die mit einer erfrischenden Offenheit mit meiner Blindheit umgehen.

Renate Tran (links) und Cornelia Zumsteg